Sonntag, 10. Januar 2016

Eine neue Handtasche.

Die Stufen ächzten angestrengt unter ihren schnellen Schritten. "Im Treppenhaus wird nicht gerannt!", schallte es ihr aus Appartement 6F entgegen. Aber dieses Mal war ihr die Rüge der alten Nachbarin egal, sie musste sich beeilen. 
Sie hatte den markanten roten Corsa einen Block weiter gesehen, er war unverkennbar, die Seitenspiegel waren schwarz gestrichen, die billigen Felgen wurden von einem Smiley verziert. Nach Lächeln war ihr allerdings nicht zu mute. Das Auto war gute drei Blocks von ihrem Appartement entfernt geparkt worden, unter einer alten Eiche, zwischen einem Transporter und einem schwarzen Kombi. Der Parkplatz lag etwas abseits und nicht auf ihrem normalen Weg von der Arbeit nach Hause. Sie hatten wohl gehofft, dort würde der Wagen weniger auffallen, Rita würde ihn gar nicht sehen, doch an leicht regnerischen Tagen wie diesem ging sie gerne ein paar Umwege um die frische Luft zu genießen. Als sie den Corsa erblickt hatte, stand ihre Welt ein paar Sekunden still. Dann fing sie an, zu rennen.
Hastig kramte sie ihre Schlüssel aus ihrer Prada-Tasche hervor. Das Designerstück war ein Geschenk gewesen, für den letzten Zwischenfall. Sie zitterte, traf kaum das Schlüsselloch. "Bitte, bitte erspar' mir diesen Anblick. Ich ertrage es nicht noch einmal. Es ist bestimmt alles nur Einbildung...", flüsterte sie sich zu. Wollte sie sich so Mut machen? Wusste sie denn nicht genau, was sich abspielte?
Das Quietschen war unüberhörbar. Nachdem sie die Tür knirschend geöffnet hatte, kam ihr leichter Sonnenschein entgegen, draußen klarte es auf. Ihr Blick haftete am Boden. Im silbrigen Licht der schwachen Novembersonne zeichneten sich verschwommen Schatten auf dem staubigen Laminatboden ab. Sie hob ihre Lider. 
Das Schlafzimmer war offen. Mit leisen Schritten ging sie zaghaft darauf zu. Sie zitterte immer noch. Ihr stockte der Atem. Ein kurzes Hinsehen war mehr als sie verarbeiten konnte. 
Da kniete sie, auf ihrem Bett, in ihrer dunkelblauen Satin-Bettwäsche, ihre Haut blass und rein. Er stand vor ihr. Sie sahen sich tief in die Augen, ihr Mund stand offen, sie waren fast fertig. Ihre Wimpern schlugen lange Schatten auf ihre Wange, sie lächelte leicht, spielte mit ihren Lippen gekonnt an seiner Männlichkeit.
Ritas Zunge klebte an ihrem Gaumen fest, sie konnte kaum schlucken. Ein tiefes Einatmen später wandte sie sich ab, mit hängenden Schultern und tränengetränktem Gesicht. Ihre Ohren pfiffen dumpf. Wasser, sie wollte ein Glas Wasser. Der Weg zur Küche - er war lang. Rita stolperte, setzte mühevoll einen Fuß vor den anderen, apathisch und gelähmt. 
Sie sank über dem Tisch zusammen, das Wasser in der einen Hand, in der anderen ihr gesenkter Kopf. Vor ihr, in der Mitte des quadratischen Holztisches, lag ein Schlüsselbund - ein Schlüsselbund mit einem Autoschlüssel. Sie konnte an nichts anderes mehr denken. In ihrer Vorstellung fuhr der Corsa mit einem perfiden Lachen von der Universität in ihren Vorort. Er fuhr schnell und waghalsig, wollte jede Ampel meiden, drängelte und hupte, hinterließ Bremsspuren auf dem Asphalt und Schäden in den Stoßdämpfern. Berechnend parkte sie ihn abseits, wollte ihre Schandtat verschleiern. Und dann ging wohl alles ganz schnell. Das Klingeln, das Begrüßen, das Ausziehen, der erste Kuss... Vor ihrem inneren Auge sah sie immer wieder die festen Brüste des Mädchens, ihre straffe Haut, ihr volles Haar, ihre Jugend.
"Rita!" Seine Stimme war brüchig. Hastig sprach er ihren Namen. Sie drehte den Kopf, sah ihn an. Noch nicht einmal angezogen war er. Ihre Augen sanken zu Boden. Mit einem Knall stand sie auf, der Stuhl fiel nach hinten. Sie griff nach dem Schlüsselbund, bestimmt, hart kalt. Mit festen Schritten ging sie auf ihn zu, fixierte ihn, der Blick starr. Er hielt stand, aber sie konnte das leichte Zittern seiner Knie aus den Augenwinkeln sehen. 
Vor ihm angekommen, trennten sie keine zehn Zentimeter mehr. Sie hob die Hand, der Schlüssel fiel klirrend zu Boden.
"Dieses Mal muss es eine von Chanel sein." Damit wandte sie sich ab und verließ die Wohnung, die ihr so fremd geworden war.

Keine Kommentare: